Mit Volldampf zurück in die Vergangenheit
Cass Scenic Railroad
Versteckt in den Bergen von West Virginia erwartet Besucher eine Zeitreise in die Vergangenheit, zurück in eine Ära, als Dampfloks im täglichen Leben eine große Rolle spielten: Die Cass Scenic Railroad in Pocahontas County - im Südosten von West Virginia - gehört zu den größten Touristenattraktionen des Staates.
Während der Sommermonate werden zwei Touren mit der Dampflok angeboten, die atemberaubende Ausblicke auf die fantastische Berglandschaft des Cheat Mountain bieten. Zur Auswahl steht zum einen ein 1,5-stündiger Ausflug, der zur Whittaker Station führt. Hier baute die Logging Historical Association ein Holzfällercamp aus den 40er Jahren nach – original rekonstruierte Arbeiterquartiere und ein Sortiment an Werkzeugen aus dieser Zeit vermitteln einen lebendigen Eindruck der damaligen Lebensbedingungen. Eine zweite Tour dauert 4,5 Stunden und erreicht nach 35 Kilometern die zweithöchste Erhebung in West Virginia, den 1.476 Meter hohen Bald Knob. Die Region um Bald Knob weist ein ähnliches Klima wie Kanada auf und bezaubert durch eine Vielfalt an Pflanzenarten, wie man sie in der kanadischen Wildnis antrifft. Bei beiden Ausflügen kommen sogenannte "Shay" Lokomotiven zum Einsatz, die einst die für den Holztransport bestimmten Güterzüge die steilen Hänge des Cheat Mountain hinaufzogen. Eisenbahnfans begeistert die interessante Strecke, die Spitzkehren aufweist und 110 Promille Steigung im Reibungsbetrieb überwinden muss!
Die Cass Scenic Railroad ist identisch mit der Eisenbahnlinie, die 1901 gebaut wurde, um das geschlagene Holz aus den Wäldern zu der weiterverarbeitenden Sägemühle in die Ortschaft Cass zu transportieren. Die Lokomotiven vom Typ Shay sind ebenfalls dieselben, die mehr als 50 Jahre im Einsatz waren. Konzipiert, um das Unmögliche zu vollbringen, waren die Shay-Lokomotiven in der Lage, große Steigungen und engste Haarnadelkurven zu überwinden.
Zudem mussten sie Transportgüter von unglaublichem Gewicht aus den Wäldern hin zu den Sägwerken befördern. Im Jahre 1911 besaß West Virginia mehr als 4.800 Kilometer an Eisenbahnschienen, die für den Holztransport genutzt wurden – mehr als jeder andere Bundesstaat in den USA. Die Strecken existieren schon lange nicht mehr - bis auf die 18 Kilometer lange Eisenbahnlinie in Cass, die wieder in ihren Originalzustand versetzt wurde. Rund um die Sägemühle, die ohne Unterbrechung von 1901 bis 1960 arbeitete, entstand die Stadt Cass mit über 2000 Einwohnern. Die Stadt selbst blieb bis heute relativ unverändert. Die restaurierten bzw. original rekonstruierten Häuser aus der Blütezeit der Holzfällerei verleihen Cass viel Charme und Atmosphäre; Urlauber fühlen sich bei ihrem Besuch in die Zeit um 1900 zurückversetzt. Als die Wälder abgeholzt waren, wurde die Sägemühle stillgelegt und die Gerätschaften zu Niedrigstpreisen verschleudert. Russell Baum, ein Nostalgiker und Eisanbahnfan aus Pennsylvania, konnte die Regierung in West Virginia jedoch überzeugen, den Ausverkauf dieser historisch einmaligen Wirkungsstätte zu stoppen, Gelder zur Verfügung zu stellen und Cass in einen Staatspark umzuwandeln. Das West Virginia Dept. of Natural Resources erwarb darauf hin 18 Kilometer der Eisenbahnstrecke, drei Shay-Lokomotiven, einige Plattformwagen, eine Maschinenhalle und andere Gerätschaften. Nach zwei Jahren Restaurierungsarbeiten wurde der Cass Scenic Railroad State Park am 15. Juni 1963 eröffnet. Seitdem sind Hunderttausende von Besuchern mit der Dampflok gefahren und konnten zumindest einen Eindruck eines einzigartigen Zeitabschnitts erhaschen, der unwiderruflich der Vergangenheit angehört.