Das Rodeo von Alberta
Das Spiel mit dem schnellen Geld, wilden Pferden und der Cowboy-Ritt auf einem Bullen locken jedes Jahr im Sommer tausende von Zuschauern in die kanadische Metropole Calgary.
Von Anfang bis Mitte Juli heißt es dann "Herzlich Willkommen zum Stampede", dem größten Rodeo Nordamerikas - und dies schon seit 1911!
Zehn Tage lang erwacht in der Millionenstadt Calgary der Wilde Westen erneut und zieht fast die ganze Stadt in seinen Bann. Bürodress oder Blaumann, Schwesternkittel oder die Polizeiuniform werden dann von den Bewohnern bereitwillig mit Blue-Jeans, Cowboyhut und Karohemd eingetauscht. Die Straßen der supermodernen Business-Stadt verwandeln sich in diesen Tagen in ein Cowboy- und Indianerlager mit Indianer-Wigwams und Planwagen. Calgary, die Stadt aus Glas und Beton, wirkt auf dem Besucher wie eine Pionierstadt aus dem Wilden Westen.
Wer aber glaubt, dass sei nur ein Freizeitspaß, der irrt. Für viele Cowboys ist das „Stampede“ harte Arbeit und mehr - es sichert ihre Existenz. Wo sonst kann ein Präriebursche in nur wenigen Minuten über 90.000 Kanda-Dollar Preisgeld einfahren? Aber nicht nur das Geld lockt, sondern auch der Ruhm. Cowboys, die ein wildes Pferd in der Arena zähmen oder einem Bullen zeigen, was ein richtiger Mann ist, werden von den Bewohnern Calgarys frenetisch gefeiert und sind nicht nur für die Tage des „Stampede“ richtig kleine Superstars. Die meisten Cowboys sind Profis und ziehen den Sommer über von einem Rodeo zum nächsten. In dieser Zeit finden einige in Kanada und den USA statt - aber die Königin der Rodeos ist das „Stampede“ in Calgary.
Tag für Tag schauen bis zu 21.000 Zuschauer zu, wenn es wieder heißt "Bull Riding". Aber nicht nur, wenn es um die widerspenstige Zähmung des Bullen geht, sind die Stadien gut gefüllt.
Ricky ist "Spezialist" für das Zureiten von wilden Pferden und soll heute einen schwarzen wilden Mustang bezwingen. "Pferde sind meine Leidenschaft und das Stampede ist einfach der Olymp für Cowboys. Hier darf man ja auch nicht so einfach mitmachen. Zuerst musst du dich in der Provinz beweisen und dort schon einige Wettbewerbe bestritten haben, erst dann darfst du hier reiten.", sagt er und setzt sich auf den ungesattelten Rücken des schwarzen Hengstes. Das Pferd wirbelt viel Staub auf und der kräftige Ricky muss all seine Kraft zusammen nehmen, um nicht abgeworfen zu werden. Er schafft es und hält sich 9 Sekunden auf dem Tier, erst dann wird er abgeworfen und kracht in den Sand der Arena. Die Menge jubelt. Das Pferd schnaubt und buckelt. Der Kampf um den Ruhm ist entschieden. Ricky rappelt sich wieder auf und wirft den hinter der Stadionbande stehenden Cowgirls einen zwinkernden Blick zu. Schön sehen sie aus und sexy, die Stiefel und die kurzen Röcke werden durch den obligatorischen Wild-West-Hut und die engen Oberteile zu einer aufreizenden Uniform. Während des „Stampede“ findet man viele Cowgirls und Cowgirl-Gruppen in der Stadt. Sie nehmen an Umzügen teil oder feuern die Männer in der Arena an.
In den Tagen des „Stampede“ wird er noch "praktiziert" - der gute alte Traum vom starken Mann und der schwachen schönen Frau, und noch etwas wird beschworen: der Pioniergeist der Vorfahren, die aus diesem Land das machten, was es heute ist, eine der reichsten Industrienationen der Welt.
Später am Abend treffen wir wieder Ricky. Er sitzt mit anderen Cowboys in einer schicken Bar in der Innenstadt von Calgary. Locker lehnt er mit einer hübschen Blondine an einem Tisch, über ihnen hängt ein klavierlackfarbener LCD Screen. Statt Footballergebnisse laufen heute die Zeitlupenaufnahmen der Pferdekämpfe und der Stierbezwingungen über den Schirm - auch Ricky ist zu sehen.
Er spült den Staub des Tages mit einem kühlen Bier hinunter und erzählt uns seine Geschichte. Er sagt, dass er schon als kleiner Junge auf der Farm seines Vaters nicht weit von hier in der Provinz von Alberta immer schon davon träumte, ein berühmter Rodeostar zu werden. Man sieht sofort, wie seine Augen anfangen zu leuchten. „Bisher habe ich auch gut verdient.“, fügt er hinzu. In den ersten drei Tagen des Rodeos habe ich knapp 9.000 Dollar an Preisgeldern eingeritten, und dann sagt er noch - etwas nachdenklicher: „Es ist hart, aber es ist mein Traumjob. Wenn ich nicht gewinne, dann verdiene ich auch nichts und dann kann das Leben ganz schon bitter werden.“
Anna-Marie, seine Begleitung, schaut ihn an und er wirft ihr einen viel sagenden Blick zu. Ricky meint noch zu uns: „Ich muss morgen wieder früh raus.“, und verschwindet mit Anna-Marie Richtung Ausgang. Wir bleiben zurück und denken uns: „Irgendwie ein schönes Leben, was Ricky so führt, aber tauschen möchten wir im Grunde nicht mit ihm.“
Quelle: NWP